Zum Begriff der Reformation

Schon lange vor Martin Luther war immer wieder der Ruf nach einer Erneuerung der Kirche laut geworden und in der Kirche des Mittelalters gab es mehrere Reformbewegungen.

Auch die Reformation des 16. Jahrhunderts verstand sich als innerkirchliche Reformbewegung, welche die Kirche aus dem Worte Gottes erneuern und zu ihren Ursprüngen zurückführen wollte. Keiner der Reformatoren beabsichtigte, eine neue Kirche zu gründen. Gleichwohl lag in ihren Erkenntnissen und vor allem in den neuen Impulsen, die sie damit setzten, eine kirchenspaltende Sprengkraft.

Martin Luther und die weitere Entwicklung
Martin Luther wurde bei der Wahrnehmung seiner biblischen Professur an der jungen Universität Wittenberg eine Antwort auf die ihn quälende Frage nach einem gnädigen Gott gegeben. Es war ihm bei einem „Turmerlebnis“ schlagartig klar geworden, dass die Rede von der Gerechtigkeit Gottes nicht die aktive, fordernde und strafende Gerechtigkeit meint, sondern die passive, zugesprochene, verzeihende Gerechtigkeit Gottes. Gott fordert nicht die Gerechtigkeit, sondern er überträgt sie auf den Menschen um Christi willen. Es kommt nicht auf die religiöse Leistung an, sondern auf das, was Christus für uns getan hat.

"Der Streit um den Ablass, ..., warf dann die Frage nach der Autorität der Kirche auf."

Der Streit um den Ablass, den Luthers 95 Thesen von 1517 hervorgerufen hatten, warf dann die Frage nach der Autorität der Kirche auf. Luther berief sich auf die Heilige Schrift und übte Kritik am geistlichen Stand, an der Autorität des Papstes und den Konzilien. Auf dem Reichstag in Worms (1521) leistete Luther nicht den von ihm erwarteten Widerruf, sondern berief sich auf sein Gewissen („Hier stehe ich …“). Daraufhin wurde er mit dem kirchlichen Bann und schließlich der Reichsacht belegt. 1529 folgte auf dem Reichstag zu Speyer die feierliche Protestation der evangelischen Minderheit unter den Reichsfürsten (Protestantismus). 1530 (Reichstag Augsburg) wurde noch einmal der Versuch unternommen, die Einheit von Kirche und Reich herzustellen. Philipp Melanchthon (1497-1560) hatte für die lutherische Seite die gegenüber den „Altgläubigen“ versöhnlich gehaltene „Augsburgische Konfession“ verfasst, mit der die evangelischen Stände ihre Rechtgläubigkeit nachzuweisen suchten. Doch es kam zum Bruch.

"Das Augsburgische Bekenntnis wurde in der Folgezeit und bis auf den heutigen Tag das gemeinsame Bekenntnis aller lutherischen Kirchen auf der Welt."

Man kann den Augsburger Reichstag als den Beginn einer konfessionellen Eigenständigkeit des Luthertums bezeichnen, zumal sich in den Jahren zwischen 1522 und 1529 zusätzlich Gegensätze zwischen Luther und Karlstadt, Luther und Thomas Müntzer (Bauernkrieg), Luther und Erasmus (Frage nach dem freien Willen) sowie Luther und Zwingli (Frage nach dem Abendmahl, Marburger Religionsgespräch 1529) herausgebildet hatten, die der Eigenständigkeit Vorschub leisteten. Das Augsburgische Bekenntnis wurde in der Folgezeit und bis auf den heutigen Tag das gemeinsame Bekenntnis aller lutherischen Kirchen auf der Welt.

Zwischen Zwingli und Luther kam es 1529 zu einem Gespräch in Marburg, bei dem sie keine Einigung ihres Abendmahlsverständnisses erzielen konnten. Dies führte zur selbständigen Entwicklung und später auch zur Selbständigkeit lutherischer und reformierter Kirchen.

Im März 1531 schlossen sich die lutherischen Bekenntnisstände im Schmalkaldischen Bund gegen den Kaiser zusammen und zwangen diesen am 23. Juli 1532 im Nürnberger Religionsfrieden, ihren Forderungen nach Selbständigkeit nachzugeben.

"Damit war Deutschland auch staatsrechtlich in zwei Konfessionen gespalten."

Da der Kaiser Verbündete gegen die Türken brauchte, gab er nach. Von ihm in weiteren Jahren veranlasste Wiedervereinigungsgespräche blieben erfolglos, es kam im Schmalkaldischen Krieg (1546/47) zu blutigen Auseinandersetzungen. Durch das Bündnis einiger lutherischer Landesherren mit dem König von Frankreich gegen den Kaiser sah sich dieser zu einer neuen Vereinbarung gezwungen, die 1555 auf dem Reichstag zu Augsburg zustande kam. Der Augsburger Religionsfriede war jedoch lediglich ein politischer Friede bei verbleibenden Gegensätzen und Unterschieden des Glaubens. Der Reichstagsabschied wurde jedoch zum Reichsgesetz, welches das lutherische Bekenntnis neben dem katholischen offiziell in Deutschland als gleichberechtigt anerkannte. Damit war die Wahl des Bekenntnisses den Landesfürsten wieder freigestellt und die Untertanen mussten sich fügen oder auswandern. Lediglich in den Städten, in denen zuvor bereits beide Konfessionen existiert hatten, sollten sie weiter nebeneinander bestehen. Auch die Kirchengüter, die 1552 in den Händen der Lutheraner waren, sollten diesen weiterhin gehören. Damit war Deutschland auch staatsrechtlich in zwei Konfessionen gespalten. Gegen die Übermacht des Luthertums im deutschen Gebiet konnte sich der Calvinismus nicht durchsetzen, im Gegensatz allerdings zur Schweiz.