EEB Heidelberg

Lobbyismus in Deutschland

Vortrag von Uwe Ritzer
Quelle: © Uwe Ritzer, privat
Quelle: Sebastian Klusak, EEB Heidelberg
Quelle: Sebastian Klusak, EEB Heidelberg

Vertreter der Bundesregierung treffen sich viel häufiger mit Repräsentanten der Automobilindustrie als mit solchen von Umweltorganisationen. Das Verbot der Tabak-Außenwerbung verschwindet über Nacht aus dem Entwurf des neuen Koalitionsvertrags. Und der "Initiative neue soziale Marktwirtschaft" gelingt es, Pressetexte und Schulmaterialien mt wirtschaftsliberalen Ideen zu platzieren, ohne dass den Empfängern klar ist, dass die Initiative von Arbeitgebervebänden finanziert wird.

Der Journalist Uwe Ritzer (Süddeutsche Zeitung) nannte in seinem Vortrag mehrere Beispiele dafür, wie stark Interessensgruppen in Deutschland Einfluss auf Gesetzgebungsverfahren, Medienberichterstattung und (zunehmend) die schulische Bildung in Deutschland nehmen. "Wir leben längst in einer Lobbykratie - egal, ob es um Bildung, Atomenergie, Lebensmittel, Medikamente, Glüssepiel oder Finanzen geht", so lautete die These Ritzers in seinem Vortrag, den er am 15. Februar im voll besetzten Vortragssaal des Hauses der Johannesgemeinde in Heidelberg-Neuenheim hielt. Der Vortrag war die erste der Jubiläumveranstaltungen, mit denen die Regional- und Bezirksstellen der evangelischen Erwachsenenbildung in 2018 das 50. Bestehen der Evangelischen Landeskirche in Baden begehen.

Eine neue Entwicklung, so Ritzer, ist, dass es Firmen und Wirtschaftsverbänden immer häufiger gelingt, in Schulen Unterrichtsmaterial und -besuche zu lancieren, bei denen in Wahrheit Eigenwerbung betrieben wird. So gelang es der Initiative "My finance coach", Material zum Thema Wirtschaft, Kaufen und Sparen für Sechs- bis Zehnt-Klässler zu platzieren - entwickelt vom Allianz-Finanzdienstleister, der Unternehmensberatung McKinsey und der Werbeagentur Grey. In diesen Materialien wird u.a. Werbung dafür gemacht, dass Menschen ihr Geld in Kapitalanlagen stecken - was zu den Geschäftsfeldern der Allianz gehört. Eigentlich, so berichtete Ritzer, verbiete das Schulgesetz der meisten Bundesländer Werbung in den Schulen - deshalb seien Schulleiter, Lehrkräfte und Schulaufsichtsbehörden dazu aufgerufen, diese Lobby-Bemühungen stärker einzuschränken.

Sebastian Klusak
Evangelische Erwachsenbildung Heidelberg